Innehalten

von Maria Schneider

Es ist bereits soviel gesagt und geschrieben worden über unser aktuelles Zeitgeschehen. Aber das Leben schreitet voran und jeden Tag neu sind wir aufgefordert, mit dem umzugehen, was uns umgibt.

Ich möchte ein wenig teilen, wie es mir in letzten Wochen erging. Die Begleitung von Menschen in Sommer und Herbst war besonders intensiv. Diese Monate haben so vieles hochgespült, was der Transformation bedurfte. In zahlreichen Momenten der Heilung wurde viel Kraft frei, die auch mir half durch diese herausfordernde Zeit zu gehen. Und doch, als wir Anfang November wieder alle Kurse absagen mussten, wurde mir erst in vollem Umfang bewusst, wie sehr mich die vergangenen Monate gefordert hatten. So entschied ich den erneuten Lockdown als Erstes zu nutzen, um mich zu regenerieren. Neben ausreichend Schlaf, viel Bewegung an der frischen Luft, Yoga und Kältebad, gehörte dazu vor allem der Rückzug in meinen eigenen inneren Raum. Meine Wahrnehmung etwas abzuwenden von den Geschehnissen dieser Welt und nach innen zu richten war wieder dringend notwendig. Zum einen, um erneut die innere Stille zu nähren, und zum anderen, um mich dem zuzuwenden, was in den vergangenen Wochen und Monaten in mir berührt wurde und wohlmöglich noch auf mir lastete.

Aufgrund jahrelanger Erfahrung weiß ich, wie viel Zeit tiefgreifende Wandlungs- und Heilungsprozesse brauchen. Mir ist klar, dass die Transformation einer Gesellschaft unbedingt schrittweise und nicht zu schnell voranschreiten sollte, um z.B. heftige Gewaltausbrüche zu vermeiden. Wenn Wandel zu abrupt geschieht und die Angst vieler Menschen zu groß wird, ist Regression wahrscheinlich. Es braucht also eine Balance zwischen aufbrechenden und restriktiven Kräften.

Obgleich mir all dies wirklich sehr klar ist, hatte etwas in mir mit einem Schock reagiert auf die kollektiven Ereignisse der vergangenen Monate. Zum einen war ich geschockt von der Massivität der Restriktionen und zum anderen davon, dass viele Absurditäten, die sich im Außen zeigten, nicht ausreichten, um als diese wahrgenommen zu werden.

Ein Schock führt zu einer Verhärtung, die sich verfestigen kann, wenn wir ihn nicht wahrnehmen. Andererseits kann er uns helfen mit Abspeicherungen in Kontakt zu kommen, die uns wohlmöglich seit langer Zeit begleiten. Genau so fühlte es sich an. Es wurde ein sehr alter Schmerzpunkt in mir auf einer tieferen Ebene berührt, der nun durch innere Zuwendung in Bewegung und an die Oberfläche kommen durfte. Das ist erleichternd und heilend und es darf seine Zeit brauchen.

Es ist mir ein Anliegen an meinem persönlichen Erleben aufzuzeigen, wie wichtig es ist persönliche Prozesse zu unterscheiden von einer realistischen Betrachtung eines größeren Geschehens im Außen. Es ist uns einfach nicht möglich das Weltgeschehen zu betrachten, ohne durch unsere individuelle Brille zu schauen. Wir können, um bei diesem Bild zu bleiben, unsere Brille wahrnehmen, wir können sie reinigen und unseren Blick schrittweise immer mehr weiten, aber das Gesamtbild wird uns als Mensch wohl kaum zuteil werden. Wenn ein Mensch also ähnliche Vorerfahrungen hat wie ich, wird er eher geneigt sein die aktuellen Geschehnisse so zu deuten, dass wir gerade auf einen diktatorischen Überwachungsstaat zulaufen, als andere Menschen. Ich bin mir bewusst, dass ich diesbezüglich besonders achtsam sein sollte in meiner Einschätzung, weil meine Sicht hier gefärbt ist durch meine Vorerfahrungen. Allerdings bin ich dadurch auch in positivem Sinne sensibilisiert. Und derzeit nehme ich Entwicklungen auf dieser Ebene wahr, die ernst genommen werden sollten. In letzter Konsequenz jedoch kann ich nicht abschätzen, wo die aktuellen durchaus starken Freiheitsbeschränkungen und Kontrollmaßnahmen mittelfristig hinführen werden. Diesbezüglich bin ich vorsichtig. Langfristig gesehen bin ich jedoch vollkommen optimistisch, denn irgendwann wird jeder Lug und Trug durchschaut werden und wir Menschen werden unterscheiden können zwischen Täuschung und substanzieller Essenz.

Was die Einschätzung der Gefahr angeht, die von Corona ausgeht, so komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass vieles nicht wirklich nachweisbar ist und dass sich sehr widersprüchliche Aussagen gegenüberstehen. Klar ist, dass wir es weltweit mit einer Erkrankung zu tun haben, die für manche Menschen sehr gefährlich und tödlich ist.

Ansonsten ist für mich der Begriff der Verhältnismäßigkeit sehr zentral. Ich betrachte zum Beispiel die aktuellen Statistiken (weltweit sollen derzeit 2,4 % der Todesfälle Corona bedingt sein), vergleiche dies mit Todeszahlen durch Influenza in den vergangenen Jahren und informiere mich über den inzwischen von etlichen hochrangigen Wissenschaftlern in Frage gestellten PCR-Test. Ich schaue mich in meinem Bekanntenkreis und Lebensumfeld um. Betrachte das Verhältnis der medizinischen Folgen des Virus in Relation zu den Schäden, die durch die Maßnahmen entstehen und in Relation zu anderen Krankheiten. Die Wahrscheinlichkeit im Westen z.B. an Krebs, Diabetes, Bluthochdruck oder zahlreichen anderen Krankheiten zu leiden bzw. zu sterben oder einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden, ist um ein Vielfaches höher. Weltweit betrachtet ist die Gefahr der Unterernährung, des Hungertodes oder ein Tod durch Tropenkrankheit deutlich größer. Wenn es wirklich um das Wohlergehen der Menschen geht, kommen wir nicht umhin zu betrachten wie viele weltweit unter den Auswüchsen des kapitalistischen Systems oder des Sozialismus leiden. Noch etwas weiter geschaut, sehen wir wie viele Wesen aufgrund der Folgen menschgemachter Umweltverschmutzung erkranken, leiden oder gar ausgerottet werden.

Menschen, die große Angst vor dem Virus haben oder es als ihre dringende Verantwortung betrachten alle anderen gefährdeten Menschen zu schützen, können die Tendenz haben den Umgang mit Corona etwas losgelöst von all den oben genannten Themen zu betrachten, wodurch meines Erachtens eine Verzerrung der Relationen entsteht.

Ich habe ganz bewusst, von meinem eigenen Prozess berichtet, um zu verdeutlichen, dass ich dafür Verständnis habe! Die innere Wahrnehmung hat in dem Moment wenig oder schier nichts mehr mit Logik oder gesundem Menschenverstand zu tun, wenn sie von tiefen Blockaden, Glaubenssätzen oder Schmerzpunkten überlagert ist. Das ist eine Frage des Bewusstseins und es ist menschlich. Aber wir haben die Möglichkeit uns Schritt für Schritt daraus zu befreien.

In den vergangenen Monaten haben wir erlebt, dass die Menschheit dazu im Stande ist ihre Aufmerksamkeit auf ein gemeinsames Thema zu lenken und damit sehr viel Energie zu bündeln. Wie wunderbar wäre es, wenn wir dies nutzen würden, um uns zahlreichen anderen wahrlich bedrohlichen Disharmonien auf unserer Welt zuzuwenden. Zugleich ist durch Corona jedoch ein tiefer Spalt in der Gesellschaft offensichtlich geworden, dem wir ebenfalls unsere Aufmerksamkeit schenken sollten. Meines Erachtens ist der Spalt keineswegs neu. Das Sichtbarwerden ist schmerzhaft, aber auch darin kann eine große Chance stecken. Alles, was sich zeigt, kann heilen! Für mich ist ein erster wichtiger Schritt das Annehmen dieses Spaltes. Anerkennen, wie notwendig bei aller Uneinigkeit die Auseinandersetzung ist, aber auch wahrnehmen, dass die vielen Diskussionen der vergangenen Monate in der Regel kaum versöhnt, sondern eher mehr gespalten haben. Ich halte es für hilfreich all dies zunächst mal in den inneren Raum der Stille zu nehmen und damit zu sein. Vermutlich werden wir die Spannungen nicht so schnell lösen können, denn sie sind alt und gehen tief.

Wenn wir uns davon berühren lassen, ist es wahrscheinlich, dass wir auf kurz oder lang mit dem Thema Ohnmacht konfrontiert werden. Wir stoßen an Grenzen und Mauern, die nicht zu überwinden sind, auch wenn wir noch so oft mit dem Kopf dagegen rennen. Ohnmacht ist gar kein angenehmes Empfinden. Es scheint zuweilen so ausweglos zu sein. Aber wenn wir lange genug darin verweilen und die Ohnmacht annehmen, kann sie uns zu einem ganz wichtigen Lehrmeister werden. Es geht um nachgeben, weich werden und inne halten. Solange wir diese Spannung nicht ertragen, werden wir im Außen weiter und weiter suchen. Bis wir irgendwann den Mut und die Kraft finden, das Unlösbare in uns zu halten. Und dann mag uns diese Gnade widerfahren, durch das Nadelöhr geführt zu werden, das uns den Weg in eine tiefere Dimension der Freiheit zeigt.

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